Computer im Mathematikunterricht

Aufbau eines Formelverständnisses und Übertragbarkeit von „mathematischen Alltagsbeispielen“ in die Tabellenkalkulation

von Beatrix Hauer¯

 

 

Bildungs- und Lehraufgabe für den Mathematikunterricht:

„Der Mathematikunterricht soll beitragen, dass die Schüler dazu geführt werden,

  • sorgfältig, konzentriert, planmäßig und überlegt zu arbeiten,
  • mit rationalen Denkweisen Situationen zu untersuchen und Probleme zu bearbeiten, dabei aber Grenzen des Anwendens solcher Denkweisen zu erkennen,
  • kritisches Denken zu entwickeln und Offenheit gegenüber verschiedenen Standpunkten und zu Sichtweisen gewinnen,
  • ihr Kommunikationsfähigkeiten zu entwickeln,
  • sowohl selbstständig als auch kooperativ zu arbeiten,
  • Freude an kreativem Verhalten und intellektuellen Leistungen zu gewinnen."1

Liest man diese Forderungen, so erscheinen die Arbeitsweisen, die der Einsatz des Computers mit sich bringt, wie geschaffen dafür, diese Ziele zu erreichen.
Voraussetzung für das sinnvolle Arbeiten am Computer ist, dass Schüler/innen fähig sind, Sachverhalte zu abstrahieren. Sie sollten erlernen, mathematische Aufgaben in einzelne Gedankengänge zu zerlegen, Sachverhalte in Worten darzustellen und schließlich mit Variablen auszudrücken.
Damit das Übertragen von Beispielen nicht ein Tippen von Formeln wird, die vom Lehrer/von der Lehrerin vorgegeben bzw. aus einem Buch abgeschrieben werden, und es beim Staunen über die Rechenleistung der Maschine bleibt, bedarf es einer mathematischen Vorarbeit, die sich nicht auf die 7. und 8. Schulstufe (Zeitrahmen, in dem der Computer im Trägerfach Mathematik zum Einsatz kommt) reduzieren lässt.

Dazu das folgende Beispiel:
Die Schüler/innen (5. Schulstufe) hatten den Auftrag, in Gruppen von 3 bis 4 Schüler/inne/n, eine Formel für die Umkehrungsaufgabe zum Umfang eines Rechtecks herzuleiten (Umfang: 24 cm, eine Seitenlänge: 3 cm).
Ihnen standen Hölzchen in zwei verschiedenen Farben und Längen, zum Legen eines Rechtecks, zur Verfügung. Im ersten Schritt fanden sie durch Legen bzw. Handeln eine Lösung, um eine Seitenlänge des Rechtecks bei gegebenem Umfang und einer gegebenen Seitenlänge zu errechnen.
Im zweiten Schritt beschrieben sie den Handlungsablauf mit Worten. (Formulieren eines Algorithmus entsprechend dem sprachlichen Niveau des Ausführenden.)
Im dritten Schritt stellten sie mit Hilfe von Variablen, die sie selbst wählten, den Sachverhalt dar (Abb. 1).
Interessanterweise beschrieben alle Gruppen die gleiche Vorgangsweise (u-2.a):2=b eine Seite zu berechnen. Daraufhin vollzog die Lehrerin mit den Stäbchen (Handlungsebene) die weitere Umformung, um eine Seite zu isolieren (u:2-a=b).
Für die Kinder war es nicht schwierig, auch diese Lösungsmöglichkeit mit Worten und anschließend mit Variablen zu beschreiben.

 

Abb. 1

 

 

In einer folgenden Unterrichtseinheit übertrug ein Teil der Schüler/innen die neu gewonnen Erkenntnisse auf die Tabellenkalkulation (Excel). Da die Kinder in der Schule noch nie mit diesem oder einem ähnlichen Programm konfrontiert worden waren, wurde ihnen ein Arbeitsblatt am Computer zur Verfügung gestellt.

Die Aufgabe bestand darin, am Computer den Umfang verschiedener Rechtecke zu berechnen bzw. Umkehrungsaufgaben durchzuführen. Das Beschreiben von mathematischen Zusammenhängen bereitete den Schüler/inne/n keine Probleme. Die Kenntnisse, die für die Arbeit mit der Tabellenkalkulation erforderlich sind (Formelschreibweise relative Bezüge) waren leicht erklärt (Tabelle 1).
Schüler/innen, die nach dieser Stunde befragt wurden, schrieben folgendes nieder (Abb. 2).

 


Tabelle 1

Abb. 2

 

Das Erschließen mathematischer Strukturen und das Darstellen in Formeln lässt sich auf viele mathematische Problemstellungen übertragen.

 

Erkenntnisse sollen immer wieder herausgestellt und ins Bewusstsein gehoben werden, um so eine Basis für den Einsatz des Computers bzw. der Tabellenkalkulation im Mathematikunterricht aufzubauen.

In den höheren Klassen ist der Einsatz des Computers ebenso in den Prozess des Mathematikunterrichts einzugliedern.

Ein Standardbeispiel ist die Anwendung der Zinsenformel zum Beschreiben von Sachverhalten.

Mit Hilfe der Problemstellung aus einem Themenkreis, der den Erfahrungen und Interessen der Schüler entspricht, sollen mathematisches Wissen und Können entwickelt und gefestigt werden. Die Schüler sollen dabei die Nützlichkeit der Mathematik in verschiedenen Lebens- und Wissensbereichen erfahren.2

 

 

Kredite

 

Vorkenntnisse:

Mathematik: Zinsenformel

EDV: relative und absolute Bezüge; Formelschreibweise.

 

Interessant an diesem Beispiel ist neben der Beschaffung der Unterlagen von den Banken auch die Tatsache, dass einem Kreditnehmer die Schulden sprichwörtlich über den Kopf wachsen können, auch dann, wenn ständig Rückzahlungen geleistet werden.

 

Bei der Umsetzung in die Tabellenkalkulation wird folgendes überlegt:

  • Welche Begriffe müssen vorhanden sien, um den Sachverhalt einfach, richtig und gut ablesbar darstellen zu können?
  • Welche Werte müssen veränderbar sein, um verschiedene Beispiele zu berechnen?

 

Diese Vorüberlegungen finden in der Klasse statt und werden zu Papier gebracht.

In einer selbst gezeichneten Tabelle tragen die Schüler/innen die erarbeiteten Formeln ein, um sie anschließend eigenständig auf den Computer zu übertragen.

Das Besprechen der Beispiele darf nie fehlen. Zu überlegen gilt, wie hoch eine Rückzahlung sein muss, damit die Schulden durch den Zinsenzuwachs zumindest nicht anwachsen. Wie hoch darf eine monatliche Rückzahlungsrate für ein mittleres Familieneinkommen sein?

 

Ein weiteres Ziel ist, Rechnungen größeren Umfangs übersichtlich zu strukturieren, um sie für den Betrachter möglichst klar dazustellen und um unnötige Rechenschritte zu vermeiden (Tabelle 2 und 2a).

 

 

Tab. 2

Tab. 2a

 

 

Kegelvolumen

 

Am Beispiel der Berechnung des Kegelvolumens setzten sich die Schüler/innen mit mehreren Lösungswegen eines Problems auseinander, das Problem ist so beschaffen, dass zur Lösung das grundlegende Wissen und Können ausreicht. 3

Vorkenntnisse:
Mathematik: Volumsformel für Zylinder (evt. Volumsformel für Kegel); Strahlensätze.
EDV: Formelschreibweise; abolute und relative Bezüge; Schreibweise von PI und Hochzahlen; Summenfunktion; Mittelwertberechnung.

Die Problembegegnung findet ebenso im Mathematikunterricht statt.
Das Volumen eines Kegels soll ohne der entsprechenden Formel berechnet werden. Dies wird durch Zerlegen des Körpers in gleich hohe Schichten (Zylinder) erzielt, die dem Körper eingeschrieben bzw. umschrieben werden. Der Mittelwert aus der Summe der Volumina der umschriebenen Zylinder und der Summe der Volumina der eingeschreibenen Zylinder entspricht annähernd dem Kegelvolumen.
Das Verfahren wird mit einem Overlay veranschaulicht.

1. Folie:
Der Längsschnitt eines Kegels wird in 10 gleich hohe Schichten zerlegt.

2. Folie:
Dem Kegel werden Zylinder umschrieben. Die Höhe eines Zylinders entspricht einer Schichthöhe (z. B. Kegelhöhe 18 cm; Einteilung in 10 Schichten
® Zylinderhöhe: 1,8 cm). Im Längsschnitt wird der Sachverhalt veranschaulicht.
Mit dem 1. Strahlensatz wird eine Beziehung zwischen Höhe und Radius der Schichten hergeleitet, um das Volumen der Schichten zu berechnen (H/10:r=H:R).

3. Folie:
Durch das Umschreiben entsteht ein zu großes Kegelvolumen, sodass auch Zylinder eingeschrieben werden, um ein genaueres Ergebnis zu erhalten.
Auch hier werden die Höhen und Radien der Schichten mit dem Strahlensatz hergeleitet.

Durch Verschieben der 3. Folie wird eindrucksvoll gezeigt, dass sie Schichtgrößen des eingeschriebenen Körpers den Schichtgrößen des umschriebenen Körpers entsprechen wobei der umschriebene Körper um einen Zylinder mehr aufweist (Radius dieses Zylinders ist gleich dem Radius der Kegelgrunfläche).
Bei einer Unterteilung des Kegels (Radius 15 cm; Höhe 18 cm) in 10 Schichten ist die Anzahl der Schichten des umschriebenen Körpers 10. Der größte Zylinder besitzt einen Radius von 15 cm. Der eingeschriebene Körper besteht aus 9 Schichten. Der größte Radius ist 15 cm - 1,5 cm =13,5 cm groß (Herleitung mit dem Strahlensatz
[Abb.3]).

 

Abb. 3

Die Übertragung auf den Computer kann in folgenden Tabellen abgelesen werden (Tabelle 3+4).

Bei den folgenden Beispielen sollen die Schüler/innen mit „mathematischen Problemstrategien vertraut werden. Dazu gehören:

 

übersichtliches Darstellen des Problems; Wechseln der Darstellungsarten (z. B. eine durch einen Text beschriebene Situation geometrisch oder durch eine Formel veranschaulichen); Herausarbeiten der Voraussetzungen und Ziele; Überlegen, was aus der Angabe gefolgert werden kann; Gliedern in Problembereiche; Vermuten und Abschätzen von Lösungen.“4

 

 

 Tabelle 3: Zur Kontrolle und zum Abschätzen der Genauigkeit dieses Rechenvorganges wurde die Volumsfomel in die Tabelle eingetragen. Das Präzisieren des Ergebnisses durch das feinere Unterteilen des Körpers (z. B. 100 Schichten) lässt sich am Computer ebenso nachvollziehen.

 

Tab. 4

 

 

Babylonisches Wurzelziehverfahren

 

Vorkenntnisse:

Mathematik:  Babylonisches Wurzelziehverfahren

EDV:              Formelschreibweise; absolute und relative Bezüge; Mittelwertfunktion

 

Den Babyloniern (Sumerern) war schon vor ca. 4 000 Jahren ein interessanter Rechenprozess bekannt, der von dem griechischen Mathematiker Heron von Alexandria weiter behandelt wurde und heute wieder von großem Interesse ist.
Dieser Rechenprozess ermöglicht das Berechnen von Wurzeln mit einer wesentlich größeren Geschwindigkeit als mit der Intervallschachtelung.

Dieser Rechenprozess wird anhand eines geometrischen Problems hergeleitet. Gesucht ist die Seitenlänge eines Quadrates mit dem Flächeninhalt A. Es wird versucht, das Quadrat durch ein Rechteck mit gleichem Flächeninhalt näherungsweise zu ersetzen. Die Länge und die Breite des Rechtecks werden mit x0 und y0 bezeichnet.

 

Es gilt:            x0 . y0 = A

                        y0 = A/x0

(siehe Abbildung 4)

 

Dieses Rechteck sieht dem Quadrat noch nicht sehr ähnlich.

Die Länge ist zu x0 groß, die Breite y0 ist zu klein.

Es liegt nahe, als neue Länge x1 das arithmetische Mittel von x0 und y0 zu nehmen und dadurch ein neues Rechteck zu erhalten, das sich dem Quadrat schon besser nähert.

x1 = ½ . (x0 + A/x0)

y1 = A/x1

 

Das neue Rechteck hat sich dem Quadrat angenähert.
Nun wird das Mittel aus x1 und y1 gebildet, um x2 zu erhalten:

X2 = ½ . (x1 + y1) = ½ . (x1 + A/x1)

 

Abb. 4

 

Länge und Breite des Rechtecks liegen schon näher beisammen, d. h.: das Rechteck hat sich in seiner Form dem Quadrat noch mehr angenähert.

 

Je länger dieses Verfahren fortgesetzt wird, desto mehr nähert sich die Form des Rechtecks der des Quadrates. Es nähert sich die Länge des Rechtecks (ebenso die Breite) der Seitenlänge des Quadrates.

 

Da die Seitenlänge des Quadrates mit dem Flächeninhalt A den Wert A ^ ½ hat, nähert sich die Länge des Rechtecks dem Wert A ^ ½. Wenn wir die Berechnungsformel der Rechteckslänge genau betrachten, dann können wir erkennen, dass eigentlich immer wieder die gleichen Rechenvorgänge ablaufen, nur mit geänderten Zahlen

 

x1 = ½ . (x0 + A/x0)

x2 = ½ . (x1 + A/x1)

x3 = ½ . (x2 + A/x2) ...

 

Statt dieser vielen fast identischen Schreibweisen kann man auch kurz schreiben:

Xn+1 = ½ . (xn + A/xn)

 

Die x-Werte nähern sich durch Wiederholung desselben Vorganges schrittweise dem Wert A ^ ½. Man nennt ein solches Verfahren Iterationsverfahren (lat. iteratio = Wiederholung).5

Die Beschreibung des Wurzelziehverfahrens wird in eine übersichtliche und für den Computer geeignete Form übertragen. Es wird genau überlegt, wie viele Rechenschritte für dieses Verfahren erforderlich sind und ab welchem Zeitpunkt sich die Formeln wiederholen.

 

Anhand der Computerergebnisse lernt der/die Schüler/in abzulesen, nach wie vielen Rechenschritten die errechneten Stellen dem tatsächlichen Ergebnis entsprechen.

Das fertige Programm eignet sich, um das Abschätzen von beliebigen Wurzeln in Form eines Kopfrechentrainings zu üben. Dazu kann jede beliebige (positive) Zahl in die Tabelle eingegeben werden, zu welcher der/die Schüler/in seinen/ihren Schätzwert einträgt und seine/ihre Leistungen anhand des Ergebnisses einschätzen kann (Tabelle 5+6).

 

Tabelle 5
Tabelle 6


                                    

Mischungsaufgaben

 

Die Umsetzung dieser Aufgaben in die Tabellenkalkulation ist weiters nicht schwierig, da Mischungsaufgaben auch auf dem Papier gerne mit einer Tabelle gelöst werden. Diese Aufgaben bieten sich an, die Fähigkeit zu entwickeln Ergebnisse abzuschätzen.

Der/Die Schüler/in kann seinen/ihren Schützwert für die Lösung zu folgendem Beispiel in die Tabelle eintragen. "Man hat 5 Liter 60%igen Alkohol zur Verfügung und eine beliebige Menge 90%igen. Es soll 80%iger Alkohol hergestellt werden. Mit wie viel Litern der 2. Sorte muss man mischen?"6

Erfüllt sein/ihr Wert die Bedingungen nicht, kann er/sie aufgrund des Ergebnisses - mit dem von ihm/ihr eingegebenen Schätzwert - abwägen, ob er/sie z. B. zu viel oder zu wenig der erforderlichen Flüssigkeit beigemengt hat, und so nicht durch blindes Probieren, sonder durch bewusstes Überlegen eine Lösung finden. Bei diesem Thema hat es sich bewährt, Schüler/inne/n unterschiedliche Beispiele zur Übertragung in die Tabellenkalkulation zu geben, sodass sich die Schüler/innen im Anschluss die Beispiele gegenseitig, durch Vorlage der Texte und mit dem von ihnen geschriebenen Programmen, stellen konnten. Übertragung in die Tabellenkalkulation siehe Tabelle 7 und 8.


Tabelle 7

 

 

Mischungsaufgaben:

 

3 Liter 50%iger Alkohol werden mit 5 Litern 80%igem Alkohol gemischt. Wie viel Prozent Alkohol enthält die Mischung?

 

Aus 60%igem und 90%igem Alkohol sollen 15 Liter 70%ige Alkohollösung hergestellt werden. Wie viel Liter jeder Sorte muss man nehmen?

 

Man hat 5 Liter 60%igen Alkohol zu Verfügung und eine beliebige Menge 90%igen. Es soll 80%iger Alkohol hergestellt werden. Mit wie viel Litern der 2. Sorte muss man mischen?

 

Wie viel Lieter Wasser muss man aus einer 10%igen Salzlösung verdampfen lassen, damit sie 15%ig wird, wenn 300 Liter Sole vorhanden sind?

 

Tabelle 8

 

 

 

Abschließend sei gesagt, es liegt an uns, Möglichkeiten für den sinnvollen Computereinsatz zu sehen, um ihn nicht als ein Medium, das auch noch in den Lehrplan "gepfercht" wurde, abzustempeln.

 

 



¯ Erschienen in „Erziehung und Unterricht“ Österreichische Pädagogische Zeitschrift; 4/93

1 Lehrplan der Hauptschule, Vollständige Ausgabe 1, Stand 1986, S. 223

2 Vgl. ebd, S. 259

3 Vgl. ebd., S. 262

4 Ebd.

5 Vgl. WAGENHUBER, Mathematik 4, Teil 1, 8. Schulstufe, 1. Auflage 1988, S. 20, 21

6 Ebd., S. 103, B 585

 

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Autor: Beatrix Hauer   -
Zentrum für innovative Pädagogik an der Pädagogischen Akademie der Diözese Linz
Layout. Sabine Reindl
Letzte Aktualisierung:   17. September 2001

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