Vom Sinn der Sinne im Sachunterricht

Stark gekürzter Inhalt des Grundsatzreferates zum ZIP/PI-Kurs am 24.4.1999

Die praktischen Beispiele zu pflanzenkundlichen Themen können im ZIP erfragt werden.

 

 

 

Warum ist gerade heute so viel die Rede vom Lernen mit allen Sinnen?

Beispielhaft einige der typischen Argumente

  • Veränderter Erfahrungsraum der Kinder
  • Technisierte Umwelt und Einfluss der Medien
  • Mangel an Primärerfahrungen
  • Weitgehend fehlender Kontakt zur unmittelbaren Natur
  • Möglichkeiten entdeckender Umwelterschließung fehlen zunehmend
  • Weitgehend körperliche Passivität bei der Aufnahme von Informationen
  • Diese Entfremdung ist kein Wissensdefizit, sondern ein Erfahrungsdefizit
  • Kinder reden mit: ihre Informationsquelle ist HÖREN - SEHEN - SAGEN, aber wenig
    persönliche Erfahrung.

  • Warum ist es so wichtig, dass die Schule auf diese Entwicklung reagiert?

    Bis zum 10. Lebensjahr entwickelt sich bei den Kindern ein grundlegendes Bild von Welt. Daher spielt die Arbeit in der Grundschule eine Schlüsselrolle und zwar in allen Fächern! Einschränkungen und Defizite in dieser Zeit haben mit Sicherheit eine negative Auswirkung auf die Entwicklung der Kinder dieser Altersstufe.

    Konsequenz für die Arbeit mit Grundschülern:

    • Neben der Vermittlung der klassischen Kulturtechniken und des Sozialverhaltens spielt das "Lernen mit allen Sinnen" eine neue bedeutsame Rolle!
    • Schule verliert ihren Wert als Ort der ""Wissens"vermittlung und gewinnt Bedeutung als Ort, der Kindern einen ihnen gemäßen Zugang zur realen Welt ermöglicht.
    • "Lernen mit allen Sinnen" ist keine "alternative Schublade", es handelt sich hier um elementares Lernen im Sinne der Weltaneignung!

     

    Was bedeuten sinnliche Wahrnehmungen und Erfahrungen für das Lernen?

    • Die Sinne eröffnen erst den Zugang zur Welt.

    Kinder sind im Lernprozess immer als ganze Person im Zusammenspiel zwischen Erleben, Erkennen und Handeln beteiligt. Bekannt ist ja die Forderung nach der Einheit von KOPF, HERZ und HAND, von DENKEN, FÜHLEN und HANDELN!

    • Erst die gemeinsame und wechselseitige Bildung dieser drei Grundkräfte ermöglicht Ausgeglichenheit und Effektivität im Lernprozess. Einseitigkeit verursacht Störungen, die den ganzen Menschen leiden läßt.
    • Daher ist der Einsatz aller Sinne im Sachunterricht zur Aufarbeitung von Themen Pflicht! Lernen mit allen Sinnen ist Grundlage der Lernarbeit und nicht Selbstzweck.

     

    Lernen mit allen Sinnen ist die kindgemäße Form des Lernens.

    Das Denken dieser Altersstufe bezieht sich auf konkrete Erfahrungen und Vorgänge.
    Denken entwickelt sich aus der verinnerlichten Handlung.
    Nach Piaget befinden sich diese Kinder auf der Altersstufe der Operationen - in der konkret operationalen Phase. Unter Operationen versteht er Tätigkeiten und Lernhandlungen, aber auch abstrakte Denkhandlungen und Denkvollzüge, die sich auf gewonnene Vorstellungen stützen.

    Erkenntnisgewinnung über konkrete Erfahrungen durch Betrachten, Angreifen und Sinneseinsatz muss ermöglicht werden.
    Die Begegnung mit der Wirklichkeit, mit realen Dingen hat Vorrang!
    Ziel ist dabei nicht "action", sondern das Sammeln von elementaren Erfahrungen, das Durchschauen, das Verstehen, das Lernen.

    "Lernen mit allen Sinnen" ist nicht bloße Motivation, damit sich dann der eigentliche Unterricht anschließen kann, sondern iniitiert den Aneignungsprozess.

    Es ist mehr als "nette Abwechslung und "Spass haben", es ist entdeckende Auseinandersetzung mit der uns umgebenden Umwelt.

     

    Bewegung als besonderer Aspekt der Körperhaftigkeit beim Lernen von Kindern.

    Auch der Körper will als "Sinnesorgan" ernstgenommen werden.

    Eine "psychomentale Aktiviertheit" ist Voraussetzung für gutes Lernen. Es gibt keine Untersuchung, die feststellt, das nur ruhiges, diszipliniertes Sitzen zum Erfolg führt - im Gegenteil, auf Dauer ist "Stillsitzen" und "Dauersitzen" gefährlich, denn das Bedürfnis nach Bewegung ist den Kindern eigen. Unruhe bedeutet nicht notwendigerweise Disziplinlosigkeit, sondern ist Selbstregulativ zur Entlastung.

     

    Ganzheitliches Lernen muss auch bewegtes Lernen sein!

     

    Bewegung hat einen hohen Anteil an der kognitiven Verarbeitung - das über alle Sinne erfahrene Wissen wird gleichsam "einverleibt".

    Eine lebendige, lernwirksame Verknüpfung der Lerninhalte geschieht:

      • bei freien Arbeitsformen, die spontanen Wechsel der Arbeitshaltung erlauben,
      • bei sinnenhaften Erfahrungen,
      • beim Darstellen von Inhalten,
      • beim Einsatz von Gedicht, Reim und rhythmischen Bewegungen,
      • vor allem aber bei der Arbeit in freier Natur!

    Das Wohlfühlen beim Lernen schafft eine Bindung an die Sachverhalte und ermöglicht nachweislich effektiveres Lernen.

     

    "Bist du noch bei Sinnen?" - Wahrnehmungstraining ist notwendig!

    Der normale Gebrauch unserer Sinne wird durch eine Informationsflut für die Fernsinne Sehen und Hören und durch eine zunehmende Unterforderung der Nahsinne Tasten, Riechen und Schmecken beeinträchtigt.

    So haben Untersuchungen ergeben, dass Kinder mit gesundem Gehör sich leisen Geräuschen nicht mehr zuwenden. Sie überhören sie einfach. Die Sensibilität läßt nach, ohne dass eine direkte Gehörschädigung eingetreten ist. (Vgl.: Jacobson, 1992, Sinneserfahrung und Umweltbildung)

    Ähnlich könnte es sich mit dem Sehsinn verhalten. Kinder übersehen vieles einfach. Unaufmerksame leben aber letztlich an den Erscheinungen der Umwelt, aber auch an den Mitmenschen vorbei. Eingeschränkte Wahrnehmung behindert nicht nur die eigene Entfaltung, sondern führen im weiteren Sinn auch zu Vorurteilen, Rücksichtslosigkeit und Stumpfheit.

    Es gilt, durch geeignete Maßnahmen die Kinder zu sensibilisieren.   Sie sollen durch das Offensein für Eindrücke erfahrungsbereit werden.

     

    Was bedeutet das "Lernen mit allen Sinnen" speziell für den Sachunterricht?

    Die Sachen müssen im Mittelpunkt stehen!
    Eine Beschränkung auf den sinnlich - leiblichen Umgang mit den Unterrichtsinhalten verkürzt die Aufgabe des Sachunterrichtes
    Die Sensibilisierung darf nicht zum Selbstzweck werden.
    Sie bedarf einer wesentlichen Ergänzung durch den Verstand, der die Wahrnehmungen interpretieren und ordnen muss.
    Das bedarf einer eingehenden Nachdenklichkeit.
    Dabei kommt auch der Versprachlichung, die Anwendung angemessener Begriffe, die Pflege von Fragen und Argumentieren, aber auch der vertiefenden Darstellung von Lernergebnissen eine besondere Bedeutung zu.
    Die klare Formulierung gewonnener Einsichten - mündlich wie auch schriftlich - wird unterstützt durch sachgerechte Schülerzeichnungen und Skizzen.

     

    Unterricht darf nicht zu kurz greifen.

     

    Es darf im Sachunterricht nicht um Verkopfung, aber auch nicht um Kopflosigkeit gehen.

     

    "Die einseitige Überbetonung der Sinnlichkeit im Sachunterricht scheint oft eher eine Sehnsucht der Erwachsenen nach der verlorenen, glücklichen Kindheit als die realistische Wahrnehmung kindlicher Bedürfnisse zu sein! "

    Schultheß, Klaudia (1995); Vom Sinn der Sinne im Sachunterricht

    Die traditionelle didaktische Forderung, anschaulich zu unterrichten, deutet darauf hin, dass sich die Kinder ein Bild machen müssen von den Dingen:
    äußerlich, sichtbar, mit den Sinnen wahrnehmbar - aber auch geistig -innerlich in der Vorstellung.

    Wir brauchen aber auch die Fähigkeit, mit diesen Wahrnehmungen denkend und kritisch umgehen zu können.

     

    So kann man abschließend zurückkehren zu den Argumenten der ersten Fragestellung:

     

    Was bedeuten sinnliche Erfahrungen und Wahrnehmungen für das Lernen?

    Sie sind die Grundlage für das Erkennen und Verstehen, für den Aufbau von Wissen und Erkenntnissen: Der Sachunterricht eröffnet den Kindern eine neue, erweiterte, geordnete Sicht der Dinge und Sachverhalte seiner Umwelt. Es geht nicht nur um den erlebnisorientierten Umgang mit den Dingen, sondern um das Initiieren von Lernprozessen im Dienste der Welterschließung und des Aufbaus von Kompetenzen und Haltungen.

    Christine Kloyber Didaktik Sachunterricht / PADL

     

    Literatur:

    Breithecker, Dieter ( 1998), Sitzen-Stehen-Gehen-Wippen: Klassenzimmer, die bewegen, in: Praxis der Psychomotorik, Jg. 23 (4), Nov. 1998

    Büchner, H. C. R, (1997), Kunstunterricht in der Grundschule. Elementares Lernen mit Feuer, Wasser, Erde, Luft.
                                                Akademie für Lehrerfortbildung Dillingen, Auer-Verlag, Donauwörth.

    Kaiser, Astrid (1996), Einführung in die Didaktik des Sachunterrichtes, Schneider Verlag, Hohengeren

    Schultheß, Klaudia (1995), Vom Sinn der Sinne im Sachunterricht, in: Pädagogische Welt, 11/95, S.496

     



    Materialien | Didaktik | Software | Service | Über uns

    Autor: Christine Kloyber   -
    Zentrum für innovative Pädagogik an der Pädagogischen Akademie der Diözese Linz
    Layout. Sabine Reindl
    Letzte Aktualisierung:   19. September 2001

    Pfeil.gif (954 bytes)

    Anregungen, Tipps, Wünsche an zip@.padl.ac.at